Am Fuss des Stephansdoms richtet sich unser Blick nach oben. Zwischen dem geschäftigen Platz und der Turmspitze liegen steinerne Geschosse, tiefe Schatten und immer feinere Formen. Während wir beim Dom das gesamte Bauwerk betrachten, widmen wir uns hier seiner markanten vertikalen Silhouette: dem Südturm.
Ein Turm als Zeichen der Stadt
1433 wurde der Südturm unter dem Baumeister Hans Prachatitz vollendet. Mit seiner Bekrönung erreicht er eine Höhe von 136,4 Metern. Sein weiterer Name, Stephansturm, verbindet ihn unmittelbar mit dem Patron der Kirche.
Vom Platz aus lässt sich die Höhe kaum auf einen Blick erfassen. Wir wechseln deshalb zwischen einer Ansicht mit Abstand und dem Blick unmittelbar an der Fassade entlang. Aus der Nähe wirkt der Turm besonders steil; mit etwas Entfernung werden seine Proportionen und seine Verbindung zum übrigen Dom deutlicher.
Die gotische Gestaltung lenkt das Auge nach oben. Vorsprünge, spitze Abschlüsse und durchbrochene Steinformen gliedern die Oberfläche. Im wechselnden Licht treten einzelne Kanten hervor, während die Vertiefungen dunkel bleiben. So verändert sich der Eindruck bereits mit wenigen Schritten über den Platz.
Zwischen Gesamtansicht und steinernen Details
Für unsere fotografische Entdeckung nehmen wir uns zwei unterschiedliche Perspektiven vor. Die erste zeigt den Turm im Zusammenhang mit dem Dom und dem Stadtraum. Menschen am unteren Bildrand geben seiner Höhe einen Massstab. Rund um die Spitze lassen wir genügend Platz, damit die Silhouette im Bild wirken kann.
Bei der zweiten Perspektive konzentrieren wir uns auf einen kleinen Ausschnitt. Statt das ganze Bauwerk unterzubringen, folgen wir den Linien im Stein: einer Kante, einer Öffnung oder dem Übergang zwischen einer geschlossenen Fläche und filigranem Schmuck. Dadurch wird aus dem weithin sichtbaren Wahrzeichen eine Landschaft aus Formen und Schatten.
Auch die Kamerahaltung verändert das Bild. Ein steiler Blick nach oben lässt die Linien zusammenlaufen und betont die Höhe. Eine Aufnahme mit mehr Abstand wirkt ruhiger. Beide Ansichten erzählen etwas anderes über denselben Turm.
Eine Spitze mit bewegter Geschichte
Die mittelalterliche Vollendung war nicht das Ende der Baugeschichte. Französischer Beschuss beschädigte den Südturm 1809. Die schadhaft gewordene Spitze wurde 1860 unter Dombaumeister Leopold Ernst abgetragen. Zwischen 1862 und 1864 entstand sie unter Friedrich von Schmidt erneut in Stein.
Der heutige Turm erzählt damit auch von Erhaltung und Wiederherstellung. Seine vertraute Silhouette verbindet mittelalterliche Baukunst mit späteren Eingriffen. Wer ihn betrachtet, sieht ein Bauwerk, an dem über viele Generationen weitergearbeitet wurde.
Zum Abschluss treten wir nochmals zurück. Zwischen den Dächern, dem weiten Himmel und dem Leben auf dem Stephansplatz steht der Südturm als Orientierungspunkt. Nach dem Blick auf seine Einzelheiten nehmen wir nun auch seine Gesamtform bewusster wahr.